Soumyabrata Choudhury: „A Migrant Walk“

26. Feb. 2022, 15:00 Uhr
Brechtfestival Augsburg 2022

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Soumyabrata Choudhury: „A Migrant Walk“
Soumyabrata Choudhury lehrt Theater- und Performance-Studies an der Jawaharlal Nehru Universität in Neu-Delhi. Er ist Schauspieler, Regisseur und Autor mit mehr als 30 Jahren Bühnenerfahrung.
„A Migrant Walk“ ist zugleich Film und Performance, entworfen als dokumentarische Karikatur auf Brechts Hörspiel „Lindbergh-Flug“. Choudhury nimmt sich Brechts Fortschrittsoptimismus, den Mythos vom neuen mobilen Menschen, der tollkühn im Alleingang nonstop den Ozean bezwingt und setzt ihn in Bezug zur Lebensrealität der erzwungenen Mobilität und Schutzlosigkeit indischer Wanderarbeiter*innen, die millionenfach aus den Dörfern in die Metropolen ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Brechts Hörspiel „Der Lindbergh-Flug“ basiert auf der transatlantischen Reise, die Charles Lindberghs in einem primitiven Flugzeug gelang. Damals war eine solche Reise unmöglich vorstellbar. Doch nachdem Lindbergh die Unternehmung geglückt war, war das sogenannte Unmögliche an die Grenzen des Möglichen gestoßen. Brechts Stück markiert eine technologische und zugleich anthropologische Zuversicht. Sie entspricht der allgemeinen Haltung des modernen 20. Jahrhunderts und findet sich gleichsam im heroischen Inhalt (Lindberghs Flug) als auch im frühen Selbstverständnis des Genres (Hörspiel) wieder. Choudhurys Arbeit stellt die Frage nach unserer Erfahrung des unmöglich Vorstellbaren im Lauf der Geschichte, insbesondere in den ersten Tagen des globalen Ausbruchs der Pandemie seit März 2020. Die Antwort auf diese Frage ist sehr real und ohne den geringsten Anflug der optimistischen Sichtweise, die Brecht beschwören konnte: Heute wird das unmöglich Vorstellbare verkörpert vom Bild der wandernden Arbeiter, jenem sich über tausende Kilometer erstreckenden Strom, einem Fußmarsch, der sich nur gelegentlich der primitivsten Transportmittel bedient. Ab jetzt sind die wandernden Arbeiter die reale Karikatur, die die Geschichte aufwirft, die gleiche Geschichte, die mit Charles Lindbergh zu Beginn des langen 20. Jahrhunderts im Cockpit saß. Wie soll man den unmöglich vorstellbaren Strom der wandernden Arbeiter innerhalb der möglichen Grenzen unserer Kommunikationsmittel darstellen, wo doch täglich neue Möglichkeiten in den sozialen Medien angepriesen werden? Das Unmögliche wird fortlaufend auf Bilder reduziert, auf Geschichten, Wahrnehmung, während die fundamentale historische Frage unausgesprochen bleibt: wie lässt sich so eine Realität innerhalb der Erfahrung sozialer und ökonomischer Widersprüche auf globaler Ebene denken, die mit der Pandemie so deutlich zu Tage getreten sind?
Kuratiert von: Auja Ghosalkar und Kai Tuchmann
Unterstützt von: